Der Sonnenhymnus des Echnaton

"Schön erscheinst du im Horizont des Himmels,
du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt!
Du bist aufgegangen im Osthorizont
und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt.
Schön bist du, groß und strahlend,
hoch über allem Land."
Mit diesen Worten beginnt der "Große Sonnenhymnus" des ägyptischen Pharaos Echnaton. Um 1350 vor Chr. proklamierte dieser König den Sonnengott in seiner sichtbaren Gestalt als Sonnenscheibe, genannt Aton, zum alleinigen Gott. Ein beispielloser Vorgang! Er erklärte die vielfältige ägyptische Götterwelt kurzerhand für nicht-existent und ordnete einen neuen Glauben, eine neue Theologie an. Pharao Echnatons religöser Umsturz ist die erste Religionsstiftung in der Geschichte - und wie alle Religionsstiftungen ist sie monotheistisch. Dieser früheste Eingottglauben, der noch vor dem Alten Testament entstand, wurde erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt. Die Ägypter selbst hatten dafür gesorgt, daß man Echnaton vollständig vergaß. Bereits zwei Generationen nach seiner Zeit wußte in Ägypten niemand mehr etwas von ihm. Kurz nach seinem Tod wurde sein Name aus den Königslisten gelöscht, seine Bauten und Inschriften vernichtet. Ganz offensichtlich wollte man jede Erinnerung an ihn vermeiden, ja man wollte so tun, als habe es diesen Pharao überhaupt nicht gegeben Eines aber ist Aton seinen Anhängern schuldig geblieben: eine Verkündigung, irgendein Wort. Der Gott blieb stumm, und auch sein Vermittler Echnaton hat kein Heiliges Buch, keine Heilige Schrift hinterlassen. Der zentrale Text der Amarna-Religion ist ein Gebet, der "Große Sonnengesang", den der König wohl selbst verfaßt hat.
Der Sonnengesang wurde im 19. Jahrhundert im Grab eines der Nachfolger Echnatons entdeckt. Der Hymnus verdeutlicht den eigentlichen Kern der neuen Religion: Aton als Schöpfer der Natur.
Nach Echnaton ist Gott eine kosmische Macht, die sich als Sonne und Licht den Menschen mitteilt. Dieser Monotheismus ist letzlich eine religiös interpretierte Naturphilosophie. Er steht damit im Gegensatz zum biblischen Glauben, der sich als historisch-politisch versteht und mit Vorschriften das soziale Leben regelt. Echnatons Offenbarung besteht nicht in moralischen Gesetzen, stellt Jan Assmann fest, "... sondern in der Erkenntnis, daß sich alles, die gesamte sichtbare und unsichtbare Wirklichkeit, auf das Wirken von Licht und Zeit, und damit der Sonne, zurückführen läßt. Echnaton glaubte, das eine Prinzip entdeckt zu haben, aus dem die Welt hervorging und täglich neu hervorgeht."